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ehemals Württembergischer Verein zur Förderung der humanistischen Bildung e.V.

Samstag, 30. Januar 2016

Neujahrsgrüße aus dem Morgenland ・Humanistische Spaziergänge III (b)

In der letzten Folge des Artikels (Teil 1., Kap. I-II: hier) haben wir einiges von der Vielfalt der kulturellen Einflüsse aus dem Abendland erfahren, die seit Jahrtausenden die östlichen Regionen Eurasiens entscheidend inspiriert haben: Wer hätte gedacht, dass es bereits im 16. Jahrhundert im fernen Japan zahlreiche Begeisterte für die Kultur aus dem Westen gegeben hat, die sich sogar in lateinischer Sprache miteinander zu verständigen wussten! Heute (Kap. III-IV) lernen wir ein wenig von der aktuellen Situation in Japan kennen: Gibt es hier nach wie vor Leute, die sich für das Ideal des Humanismus erwärmen können? Die Antwort lautet: Ja, die gibt es, die Schar der Begeisterten, deren Zahl schon seit den späten 60er Jahren des letzten Jahrhunderts anwächst – und das nicht zuletzt wegen eines großen Humanisten und mitreißenden poeta Latinus (1928 - 2008), dessen Vermächtnis heute noch fortlebt. (Teil 1: hier)


III. Öffnung und Wiederauferstehung
Der „Modernisierungskaiser“ Mutsuhito
(1852 - 1912; im Amt: 1867 - 1912)
Seitdem in Japan 1868 eine Ära der Modernisierung eingeleitet wurde, vermochte der lebhafte Austausch mit dem Westen erneut in Gang zu kommen. Seit 1873 durften christliche Missionare hier wieder frei tätig werden, und zahlreiche christliche Schulen wurden gegründet. Die Vermittlung der lateinischen Sprache spielte aber – ganz im Gegensatz zum musterhaften Zustand des 16. Jahrhunderts – nur eine nachrangige Rolle. Der wichtigste Part für die Etablierung der „formalen Bildung“, welche die Schüler zur Pflege der geistigen „Zucht“ anhalten sollte, kam einer anderen Sprache zu: Deutsch.
Diese Kultursprache erwies sich durchaus als wichtig und schwierig genug, um die Schüler an den Eliteschulen auszusieben. Nicht wenige fingen allerdings an, von Herzen diese prestigeträchtige Sprache der Dichter und Denker wertzuschätzen, und es dauerte nicht mehr lange, bis eine deutschsprachige Zeitschrift bei der Kulturelite Vorkriegsjapans (i.e. vor dem 2. WK) etabliert wurde. Man schrieb dort deutsch, und es wurde dort auf Deutsch diskutiert; die Autoren waren generell Japaner, die unentwegt die Sprache Goethes und Schillers zu lieben nicht umhin kamen. (Daneben spielte bei den Akademikern freilich die Beschäftigung mit französischen und englischen Spracherzeugnissen auch eine herausgehobene Rolle.)

Latinitas in Iaponia – im 20. Jahrhundert
Die moderne japanische Nachkriegsgesellschaft:
Auch hier findet man sie: Fans der canora Latinitas!!
(Anime-Convention in einem jap. Buddha-Tempel)
Erst nach 1945 sollte sich die Situation für die Liebhaber der Latinitas ändern. Zwar war die wissenschaftliche Auseinandersetzung mit der lateinischen wie auch der griechischen Sprache an den renommierten Hochschulen schon etablierte Praxis. Aber seit den späten 1960ern wuchs die Schar derer, welche die Schönheit der lateinischen Sprache zu lieben und zu schätzen nicht umhin kamen und gerne mal auch einen Brief an ihre Freunde in lateinischer Sprache aufsetzten (commercium epistularum). Und seit den 80ern wurden lateinische Stammtische und Liebhaberkreise in Tokio (Colloquium Tociense) und später auch in Osaka gegründet. Auch Abteilungen für lebendiges Latein wurden an manchen Hochschulen eingerichtet. Da allerdings in letzter Zeit die staatliche Unterstützung für geisteswissenschaftliche Fächer zurückgefahren wird, werden nun leider die entsprechenden universitären Einrichtungen verkleinert oder gar aufgehoben. Dennoch steht fest: die lebendige Latinitas ist vom japanischen Alltag (sic!) nicht mehr wegzudenken! Man hört sie allenthalben, die Schönheit des Lateins: man hört sie aus ernstem Anlass, wenn neue Musikstücke zum Gedenken an die Opfer einer Erdbebenkatastrophe (= nicht selten in Japan) komponiert werden sollen; man hört sie aber auch zum jugendlichen Vergnügen, wenn mal wieder ein lateinisch komponierter Titel-Song zu einer Anime-Serie erklingt ...

Propugnator humanitatis水野 有庸
Ein leidenschaftlicher Deklamator:
Professor Mizuno in Aktion!
Was waren das in Japan für Leute, die der holden Latinitas zu großer Popularität verholfen haben? Exempli gratia darf ich hier eine Person vorstellen, der es in entscheidendem Maße gelungen ist, den Fankreis der lingua Latina in Japan zu mehren: Einem Professor und Dichter namens Aritsune Mizuno (水野 有庸; * 24. Oktober 1928 – 11. März 2008), der sich in latinisierter Form Arituneus Mizuno zu nennen pflegte und von 1963 bis 1994 als exzentrischer Universitätsgelehrter wie auch in den Jahren danach als betriebsamer poeta Latinus selbst nicht nur in den nationalen Medien (cfr. TIME vom 20. 5. 1985) präsent war; ihm gelang es, durch seine originellen Auftritte in den unterschiedlichsten Winkeln der Gesellschaft eine gewisse Begeisterung für den abendländischen Humanismus zu generieren. Sein Unterricht an der Universität in Kyoto genoss Kultstatus, weswegen Studenten aus den verschiedensten Fachrichtungen sich um ihn scharten. An dieser Stelle sei kurz darauf hingewiesen, dass es damals in Japan noch üblich war, in den ersten vier Semestern des Universitätsstudiums allgemeinbildende Fächer zu belegen. So konnte es seinerzeit durchaus dazu kommen, dass beispielsweise ein angehender Diplomlandwirt zu Beginn seines Studiums auch mal ein Latein-Seminar zu besuchen sich anschickte – eine zur Hebung der Allgemeinbildung der Akademiker durchaus sinnvolle Praxis, die leider seit Beginn der 1990er Jahre in Japan nicht mehr üblich ist.

Das wichtige Gebot für Lateiner: Pflege der sonoren Stimme
In der guten alten Zeit vermochte ein kultiger Professor durch seinen Unterrichtsstil immerhin fächerübergreifenden Ruhm bei den Studierenden zu ernten. So auch Professor Mizuno, über dessen Wirken als Universitätslehrer wie auch als poeta Latinus doctus ich bei einer anderen Gelegenheit näher berichten werde. Seinen Besuchern trug der Professor gerne seine neuesten lateinischen Gedichte in sonorer Stimme vor: sei es im Hexameter oder im elegischen Distichon, häufig auch in lyrischen Versarten wie in den sapphischen oder alkäischen Strophen, die er sehr liebte. Zu Beginn eines Jahres pflegte er seinen gesamten Bekanntenkreis mitsamt all seinen ehemaligen Studenten mit einer lateinischen Neujahrskarte zu beglücken, für die er immer die passenden Verse selber neu geschmiedet hatte. Hier möchte ich auf die Ausgabe von 1976 kurz eingehen. (Vollständiger Text & Übersetzung s. u. im Anhang)

Neujahrsgruß: vierzig Jahre zuvor
Werfen wir nun einen kurzen Blick vierzig Jahre zurück auf den 1. Januar 1976. (Schon Richard v. Weizsäcker stellte einst in Bonn am 8. Mai 1985 fest: „Vierzig Jahre spielen in der Zeitspanne von Menschenleben und Völkerschicksalen eine große Rolle.“) Auf der Neujahrskarte aus dem Jahr 2729 ab urbe condita lesen wir ein 22zeiliges Gedicht, aus welchem ich hier zunächst den Anfang zitieren möchte:

"NEGAWAKUBA.... "
(Tatuzii poetae carmen)
Seras, pirorum siquid est decens, precor
meo sepulcro proximum.
hae flore uere candicant, hae dulcia
ferunt sat autumno pira
.
(…)
Freie Übersetzung des obigen Textes: „Wenn ich bitten darf …“ (ein Gedicht von Tatsuji); Mögest du, darf ich bitten, ein paar Birnbäume neben mein Grab pflanzen. Strahlend im heiteren Weiß erblühen sie im Frühling, sattsam und üppig tragen sie süße Früchte im Herbst. 

Eine lateinische Neujahrskarte aus Japan:
anno MMDCCXXIX. ab urbe condita
(1976)
Der Titel des Gedichts "NEGAWAKUBA.... " stellt lediglich eine lateinische Transkription der Originalüberschrift dar und entspricht außerdem dem Beginn des (urspr. jap.) Gedichttextes im Wortlaut. Ein kundiger Kenner der japanischen Kultur wird sich wohl auch an ein viel älteres Kurzgedicht von Saigyō 西行 (1118 - 1190) erinnern, das mit demselben Wortlaut einleitet. Der Hauptteil des hier zitierten Textes ist freilich eine lateinische (möglichst zeilengenaue) Übertragung aus einem bekannten japanischen Gedicht von Tatsuji Miyoshi 三好達治 (1900 - 1964), abgefasst im Jahr 1944, in jener sehr schweren Zeit der allgemeinen Kriegswirren also, als der Dichter tatsächlich davon auszugehen schien, dass ihm kein längeres Leben mehr beschieden sein würde. Es kam allerdings ganz anders, und jener jap. Dichter sollte das Ende des Weltkrieges noch fast um zwanzig Jahre überleben. Und gerade wegen dieses Umstandes ist das Gedicht später dann wohl so populär und zugleich auch für die Nachkriegszeit von Bedeutung geworden, als man sich voller Dankbarkeit daran erinnerte, durch welch unverhofft glückliche Fügung des Schicksals der Staat, aus zutiefst hoffnungslosem Zustand der kriegerischen Barbarei einst befreit, zum gedeihlichen Pfad des Friedens und des zivilen Wohlstandes hingeführt wurde. 

Zum ewigen Frieden: das Gebot des Austausches der Kulturen
"Vorher" (1941) vs. "Nachher" (1983):
Kaiser Hirohito (1901 - 1989; i.A.: 1926 - 1989)
in Krieg (links) und Frieden (rechts, mit Kaisergemahlin)
Gerade an diese Friedens- thematik knüpft Professor Mizuno mit seiner Neujahrskarte von 1976 an: Im Oktober des Jahres zuvor, 30 Jahre nach Beendigung des Krieges, hatte der japanische Kaiser Hirohito, seit 1926 im Amt und somit auch „zumindest formell“ (Spiegel 2/1989) in führender Position in den zweiten Weltkrieg verstrickt, die USA besucht (Oktober 1975), was in der japanischen Allgemeinheit einem friedensbewegten Klima Vorschub leistete und zeitgleich auch zu einer verstärkten Reflexion über die kriegerische Vergangenheit der Nation sowie über ihre verheißungsvollen Nachkriegsjahre führte. Auch weltweit wuchs damals die Hoffnung auf eine friedlichere Weltordnung, was dem künftigen US-Präsidenten Jimmy Carter (* 1924), der eine aktivere Entspannungspolitik versprach, hinsichtlich seiner Wahlkampagne zugutekommen sollte.

Mehrere Inspirationsquellen – West und Ost: deutsch, französisch, klassisch-chinesisch, alt-japanisch …
Birnbaumblüten: Symbol der Reinheit und der Würde
Das Originalgedicht von T. Miyoshi selbst weist ja einige interessante interkulturelle Bezüge auf: Da der Text einen vernehmlichen Bezug zwischen Grabmal und Birnbaum herstellt, mag sich der deutsche Leser wohl an eine Ballade von Theodor Fontane (1819 - 1898), „Herr von Ribbeck auf Ribbeck im Havelland“, erinnern – eine durchaus triftige Assoziation, zumal die damaligen japanischen Literaten ja auch in der deutschen Kulturtradition gleichsam beheimatet waren.
Gleichzeitig greift der Text mit diesem Bild auch auf das Metapher-Arsenal der chinesischen Klassiker zurück: Die kraftvoll weiße Blüte des Birnbaums fungierte als Symbol der Geradlinigkeit, sittlicher Reinheit und der würdevollen Geisteshaltung. Diese positive Konnotation hebt wiederum die lateinische Version durch die explizierende Wortwahl hervor: Die Sprache Latiums kennt ja die feine, klare Differenzierung von albus, „matt-weiß“ (auch: blass, bleich u.v.m.), und candidus, „glänzend-weiß“ (auch: frohgemut, treuherzig u.v.m.); hier kommt die Verbform der kraftvollen Variante zum Zuge (candicare). Das Motiv der Strahlkraft, der Würde und der Geradlinigkeit tritt mit der lat. Wortwahl explizit in Erscheinung. (Vergessen wir nicht, dass das entsprechende Substantiv candidatus jemanden verkörpert, der sprichwörtlich eine „weiße Weste“ bzw. eine entsprechende toga anhat und somit als Amtsbewerber stolz seine moralische Integrität demonstrieren möchte.) Die poetische Wendung flore candicant (durch die Blüte glänzen sie stolz in prachtvollem Weiß) finden wir in Apuleius' Metamorphosen (5,22,5).
Alfred de Musset (1810 - 1857)
Während das japanische Original, auf das wir hier leider nicht näher eingehen können, durch seine strenge metrisch-kompositorische Struktur sowohl auf altjapanische wie auch auf klassisch-chinesische Dichtungstraditionen verweist, spielt die lateinische Fassung mit ihrem jambischen Metrum („… meó sepúlcro próximúm“; Trimeter & Dimeter) auf eine weitere, nicht unwichtige Inspirationsquelle aus Frankreich an. Jambisch (vierhebig) aufgebaut ist nämlich auch die „Lucie“ (Élégie) des romantischen Dichters Alfred de Musset (1810 - 1857), dessen Grabstätte die Anfangszeilen seines Gedichtes zieren: Mes chers amis, quand je mourrai / Plantez un saule au cimetière / J’aime son feuillage éploré / La pâleur m’en est douce et chère / Et son ombre sera légère / À la terre où je dormirai.“ (Meine lieben Freunde, wenn ich sterbe / pflanzt eine Weide auf dem Friedhof / Ich liebe ihre trauernden Blätter / Ihr fahles Licht ist mir süß und teuer / Ihr Schatten macht die Erde leicht / in der ich ewig friedlich raste.) Gerade die klar ersichtlichen Parallelen, derer gibt es zwischen diesen Gedichten gar viele, verbinden sich hier allerdings auch mit einem deutlich entgegengesetzten Eindruck: Hat es dort in Japan noch frohgemut und kraftvoll geglänzt (candicant); herrscht hier in Frankreich wehmütige Blässe (éploré; la pâleur).

Sterblichkeit des Menschen: Prägeform jeder menschlichen Kultur
„Kult der Unsterblichkeit“
Aureus (Goldmünze) mit Aeternitas-Motiv –
in Metall geronnene Idee des Römertums
Statt melancholisch nuancierter Gestimmtheit scheint die besagte japanische Dichtung vielmehr auf ein heiteres Ertragen des Unvermeidlichen (= Tod) den Focus zu setzen – was in der latinisierten Fassung wohl noch offensichtlicher hervortritt. Denn Dichtungen in lateinischer Sprache lesen wir wiederum unter einer eigentümlichen Perspektive, da wir die entsprechenden Stellen der römischen Klassiker automatisch noch in Erinnerung rufen – wie zum Beispiel, den Umgang mit der eigenen Sterblichkeit betreffend: „Volito uiuos per ora uirum“ („Dauernd fliege ich lebend durch die Münder der Leute“, Ennius-Epitaph), Exegi monumentum aere perenniusnon omnis moriar …“ („Vollendet habe ich ein Denkmal, dauerhafter als Erz … nicht restlos werde ich versterben …“, Horaz, carmen 3,30, 1+6), „Quodplus uno maneat perenne saeclo“ („Dieses [Büchlein] … möge mehr als ein Jahrhundert immerdar fortdauern“, Catull, carmen 1,9 f.), „… mihi fama perennis quaeritur, in toto semper ut orbe canar“ („… meinerseits wird dauerhafter Ruhm erstrebt, auf dass ich in der ganzen Welt allzeit besungen werde“, Ovid, Amores 1,15,7 f.), „… nomenque erit indelebile nostrum“ („… und unser Name wird unzerstörbar sein“, Ovid, Metamorphosen 15, 876) u.v.m.
Das unbändige Verlangen nach Unsterblichkeit durch eigenes Werk, welches die Zeitalter überdauern soll, einhergehend mit der zuversichtsvollen Gewissheit des ewigen Nachruhms: ein wahrhaft tröstlicher Gedanke für die antiken Römer! Nota bene: Das Postulat der praktischen Unsterblichkeit der eigenen Person spielte immerhin damals eine entscheidende Rolle bei der Entstehung des Christentums und prägt die sog. westliche Kultur bis heute.

Kulturschock durch Latein?
Wer sich mit solch typisch römischen Versen einmal vertraut gemacht hat, müssten eigentlich die lateinischen Zeilen 13 – 15 der hier besprochenen „japanischen“ Dichtung ziemlich eigenartig vorkommen:

inane carmen, ut fluentis nubili
color, peribit in breui.
umbra sed aeua transigentes arbores

ubi sepulcrum texerint,
()
Birnbaumallee
... strahlend im heiteren Weiß
erblühen sie immerfort ...
 Eitles Lied wird, wie fließenden Gewölkes Farbenglanz, im Nu vergehen. Werden die Bäume aber Äonen überdauernd dereinst das Grabmal mit Schatten überziehen, …“
Was für ein Kontrast zu den üblichen lateinischen Versen! Erkennen wir hier ein japantypisches Motiv, durchwirkt von der Ästhetik der heiteren Hinnahme des Vergänglichen, welchem die übermächtige Dauerhaftigkeit des Weltkörpers entgegengestellt wird? In der Natur das zu erkennen, was bedeutend größer und dauerhafter ist als der sterbliche Betrachter selbst: Ist das nicht auch ein erhabener, schöner, trostvoller Gedanke? Diese Art des Umgangs mit der Beschränktheit der eigenen Existenz ist freilich in der japanischen Kultur dermaßen gang und gäbe, dass sie hier in dem Inselland als selbstverständlich hingenommen wird.


Aufgabe des Humanismus von heute
Dass dem das so nicht ist, wird selbst einem japanischen Leser durch die Übertragung in eine gänzlich fremde Sprache, in einem anderen Kulturraum angesiedelt, auf einmal klar: Das Vertraute, das sonst einfach Unhinterfragte klingt überraschend fremd, merkwürdig andersartig, wenn nicht gar vollends deplaciert. Und gerade in solchen Entdeckungsprozessen liegt laut Prof. Mizuno auch der Sinn und Zweck des Humanismus: Wir lernen das Eigene, das vermeintlich Selbstverständliche mit dem Augen der Fremden zu sehen und hinterfragen es. Wir lernen mit der Tatsache umzugehen, dass auch gänzlich andere – in der eigenen Traditionswelt eher marginalisierte – Impulse eines Menschen irgendwo in der Fremde zum tonangebenden Leitmotiv einer Gesellschaft avancieren können. Wir lernen dabei, die fremd erscheinenden Elemente – sowohl aus der Gegenwart als auch aus der Vergangenheit anderer und unserer Kulturen – mit in den eigenen persönlichen Horizont zu integrieren, auf dass uns eine größere Vielfalt an Ideen und Erbmassen unterschiedlicher Überlieferungen zu Gebote steht.

IV. Zum Schluss
East is East and West is West, and never the twain shall meet“ – dieser Ansicht von Rudyard Kipling, als hätten der Westen und der Osten stets abgetrennt voneinander existiert, haben wir nun mit einer Fülle von gegenläufigen Beispielen und Argumenten entgegnet. Wohl gab es zwischen West und Ost mannigfaltige kulturelle Beziehungen – auf der sogenannten „Seidenstraße“, auf dem Seeweg um Indien und auf sonstigen Pfaden terra marique. Wohl kam es wiederkehrend zu diversen Schwierigkeiten, die jenen fruchtbaren Austausch wirksam zu blockieren vermochten.
Wir sollten eigentlich in einer glücklichen Zeit leben, wo wir die Möglichkeit genießen dürften, all die kulturellen Erben unterschiedlichster Herkunft in unseren Lebenshorizont einfließen zu lassen. Eigentlich. Aber auch heute noch kommt es gerade in der interkulturellen Begegnung zu mancherlei Schwierigkeiten, ausgelöst von der Barbarei, welche dem Menschengeschlecht („genus humanum“) zu eigen zu sein scheint.

Neujahrsgruß für West und Ost
Der moderne Humanismus kann nur in stetem Bemühen fortbestehen, so Prof. Mizuno, auf zivilisiertem Wege zu ermöglichen, dass jedem Menschen die Vielfalt der Kulturen verfügbar wird. So gesehen, hat diese geistige Bewegung allerdings noch einen sehr langen, beschwerlichen Weg vor sich. Immerhin: Noch stehen wir am Anfang 2016, wo wir die Chance haben, dafür zu sorgen, dass aus diesem Jahr ein friedvoller, humaner, fortschrittlicher Abschnitt der Menschheitsgeschichte wird. Lasst uns alle im Sinne des lebendigen Humanismus, der uns kraftvoll zu inspirieren vermag, ein frohes, schönes, gedeihliches Jahr wünschen – und dabei dessen eingedenk sein, was einst Mahatma Gandhi (1869 - 1948), ehemals Bürger des British Empire, geantwortet haben soll auf die Frage „Are you still a Hindu?“:

Yes, I am. I am also a Muslim, a Christian, a Buddhist and a Jew.

(Fortsetzung folgt.)

 

Anhang
"NEGAWAKUBA.... "
(Tatuzii poetae carmen)

Seras, pirorum siquid est decens
*, precor
meo sepulcro proximum.
hae flore uere candicant, hae dulcia
ferunt sat autumno pira. 
iacentis inter hasce quae miserrima
sit acta uita, ne roga.
diu Camena carmen ex mortalibus
hanc me docet per arborem.
at hoc oportet alteri cantarier?
noli negantem spernere,
profunde quidquid artis est tuae domi:
tenere ficta quid ualet?
inane carmen, ut fluentis nubili
color, peribit in breui.
umbra sed aeua transigentes arbores 
ubi sepulcrum texerint,
uirum
**
quotannis plus equos huc iunxerit,
uiator hic requieuerit:
futura laeta sic imago me iuuat,
quieta mens ualde mihi.
seras, pirorum siquid est decens, precor
meo sepulcro proximum.

(INTERPRETE ARITUNEO MIZUNO)
KAL. IAN. A.V.C. MMDCCXXIX

Anmerkungen:
*   pirorum siquid est decens: „sollte es von den Birnen etwas geben, was sich ziemt“ bzw. „Birnbäume in schicklicher Zahl, sofern man’s nicht übertreibt“
** uirum quotannis plus
: uirum (gen.part.pl.) = uirorum + plus; „von Jahr zu Jahr immer mehr Leute“


Übersetzung:
„Wenn ich bitten darf …“
三好達治
Mögest du, darf ich bitten, ein paar Birnbäume neben mein Grab pflanzen.
Strahlend im heiteren Weiß erblühen sie im Frühling, sattsam und üppig tragen sie süße Früchte im Herbst. 
Frage nicht, welch klägliches Leben ihm zuteil ward, der da zwischen diesen Bäumen liegt.
Von jeher kündet die Muse mir durch solch einen Baum Liedgesang aus todgeweihten Sphären.
Doch: Ziemt es sich etwa, dies' Lied einem anderen vorzusingen? So verschmähe mich nicht, wenn es mir zu schweigen beliebt.
Mögen dir allerlei Geschick und Kunstsinn noch so tief eingewurzelt sein: was bringt's, an Erdichtungen festzuklammern?
Eitles Lied wird, wie fließenden Gewölkes Farbenglanz, im Nu vergehen.
Werden die Bäume aber Äonen überdauernd dereinst das Grabmal mit Schatten überziehen,
jahrein mehr Leute aus der Ferne hier Pferde binden und Rast finden:
solch frohgemuter Ausblick mich entzückt so sehr, ganz von stillvergnügter Ruhe beseelt mein Gemüt nun ist.
Mögest du, ich bitte darum, ein paar Birnbäume neben mein Grab pflanzen.

Kommentare:

  1. Ein sehr schöner Artikel! Ihren Ansatz, die Idee des Humanismus mit dem Aspekt der grenzübergreifenden Kulturbegegnung zu verknüpfen, finde ich sehr interessant.

    Übrigens würde es mich sehr interessieren, ob Sie auch eine bestimmte Meinung zu den aktuellen Integrationsproblemen (Flüchtlinge, Migranten) in Deutschland haben.
    Haben Sie zu diesem Thema das vielbesprochene Buch von Seyran Ateş "Der Multikulti-Irrtum" gelesen?
    Es scheint also in manchen Fällen durchaus auch unüberbrückbare Hürden im Verständigungsprozess zwischen den Kulturen zu geben. Vielleicht helfen statt "Multikulti-Vision" andere Theorie-Modelle wie "Interkulturalität" oder "Transkulturalität". Ist ein Dialog bzw. Austausch zwischen den verschiedenen Kulturkreisen wirklich möglich?
    Eine Inkommensurabilität der Kulturen findet sich übrigens auch in der Hermeneutik Gadamers: In ihr ist eine Verständigung nur zwischen Kulturen gleicher Herkunftsgeschichte möglich (beispielsweise zwischen einem Bayern und einem Thüringer), nicht aber darüber hinaus (z. B. ein Deutscher und ein Chinese).

    Einen sehr lesenswerten Artikel zu diesem Themenkomplex habe ich neulich hier gefunden:
    http://ef-magazin.de/2014/02/26/5011-schweiz-die-multikulti-luege

    Ich werde Ihre Artikelserie weiter verfolgen. Vielleicht gehen Sie in Zukunft auf meine Anregung ein und schreiben etwas über die aktuelle Lage in Deutschland einen Artikel!

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    1. Sehr geehrter Gast,

      haben Sie vielen herzlichen Dank für Ihre Kommentierung meines Beitrages!

      Es ist wohl zu viel der Ehre, es als „meinen“ Ansatz zu bezeichnen, „die Idee des Humanismus mit dem Aspekt der grenzübergreifenden Kulturbegegnung zu verknüpfen“. Denn vielmehr „ist“ Humanismus nichts anderes als ein couragiertes Unterfangen, verschiedene Kulturen zusammenzuführen und unseren eigenen kulturellen Horizont stets zu erweitern.

      Darf ich hier als ein klassisches Beispiel des humanistischen Bildungsengagements den Lateinunterricht erwähnen:
      Welche/r (ehem.) LateinschülerIn erinnert sich nicht daran, wie sie/er beispielsweise im Lernvokabular über Stichworte wie „sacer, -ra, rum: 1) heilig 2) verflucht“ oder auch „religio, -nis, f.: nicht (!) das gleiche wie ‚Religion’“ zunächst einmal gestolpert ist? Auch manche für das Zusammenleben der Menschen in der römischen Welt zentrale Begriffe wie „gratia“, „pietas“ oder „fides“ können bei der Sinnerfassung knifflig werden. Und dann kommen auch noch die nach anderen Ordnungsvorstellungen konstruierten Satzperioden …
      Der Lateinunterricht mag für jeden von uns so lange mit Kopfzerbrechen verbunden sein, bis uns dann eines klar wird: um die antiken Texte ansatzweise zu verstehen, müssen wir uns mit dem kulturellen Horizont der antiken Menschen auseinandersetzen – was unweigerlich auch dazu führt, unseren eigenen Horizont zu hinterfragen, zu relativieren und zu erweitern.

      In besonderem Maße gilt dieser hochspannende „hermeneutische Zirkel“ des Lateinunterrichts natürlich für einen japanischen Lateinschüler, wie ich einer war.

      Übrigens fiel es mir dann später – durch den Lateinunterricht sensibilisiert – umso leichter, die feinen Facetten der dt. Sprache sowie der dt. Mentalitäten und somit in mancher Hinsicht auch den deutschen kulturellen Horizont innerlich zu erfassen, den ich übrigens mit dem meines japanischen Herkunftslandes durchaus nicht als „inkommensurabel“ empfinde. Aus meiner Lebenserfahrung heraus kann ich Ihnen also gerne versichern: Multikulturelle Kompetenz ist lernbar!

      Zu dem von Ihnen beigefügten Link: Interessant zu erfahren, dass dort seit jüngerer Zeit auch der Genetik-Experte und „Bestsellerautor“ (BILD) Thilo Sarrazin („Alle Juden teilen ein bestimmtes Gen“ [08. 2010]) veröffentlichen darf. Kritische Erwähnung findet auf jener Seite die Aussage seines Genossen Ralf Stegner: „Geistige Abschottung kann zur Verblödung führen.“
      Gerade angesichts der aktuellen Situation in meinem Heimatland (bislang leider noch kein Einwanderungsland), das ratenweise in nationalistischem Wahn zu ersticken droht, bin ich doch sehr geneigt, diese Aussage noch schärfer zu formulieren: „Geistige Abschottung führt zu Verblödung!“

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